
Was für ein trauriges, strenges Silvester… dachte die CH-Helferin noch. Denn für uns Helfer und unsere Tierfreunde vor Ort ist von November bis März auf Santorini «Einsatz-Hochsaison» wegen vielen Notfällen und viel überlebenswichtiger Kastrationsarbeit (TNR) der Streuner: Ganz klar sehen wir, dass kastrierte Tiere ein besseres Leben haben und TNR ist für uns Helfer DIE einzige nachhaltige, kluge Hilfe für weniger, aber gesündere Tiere. Trotz diesem sinnstiftenden Engagement sind Wintereinsätze hart: Das Tierelend ist enorm, bei null Abfall (Müllabfuhrwesen eingestellt) und mit den vielen, meist erst im November ausgesetzten Fellnasen, die den Überlebenskampf auf der Strasse nicht kennen. Gerade am Flughafen, wo Hunde eventuell noch die letzte Fährte ihrer «Besitzer» finden können, sehen wir dann täglich verängstigte, ausgehungerte Tiere, die noch im Sommer ein «OK-Leben» gehabt haben müssen. Leider fliegen fast alle Santorini-Bewohner, die es sich irgendwie leisten können, anfangs November ab und verbringen die Zeit bis mindestens Februar auf dem Festland. Für uns absolut unverständlich kehren allerdings im Frühling viele Menschen wiederum mit einem jungen Welpen zurück. Bis acht Kilo können Tiere günstig in der Kabine reisen, brauchen weder eine teure grosse Box noch einen teuren Cargo-Platz. Im November mit grösseren Tieren ist das dann anders. Und die Fähre will dann keiner mehr nehmen. Jedes Jahr im Sommer hat die grosse Mehrheit dieser «Hundebesitzer» dann keine Zeit mehr für Gassi-Gehen etc. und ihre unkastrierten Hunde werden «Freigänger mit Semi-Home». Dass im November wirklich kaum jemand mit einem Hund ausfliegt, können wir jedes Jahr beobachten, wenn die TNR-Helfer mit Fallen und Tierschutzmaterial (hoffentlich immer zahlreicher) am Airport ankommen. Die «alten» Hunde sind vergessen, sie zählen nichts mehr, erst recht, wenn sie trächtig waren oder sind. Einheimische resp. auf Santorini arbeitende Personen verlassen die teure Insel dann so schnell wie möglich. Zurück und über den ganzen Winter bleiben meist nur alte Leute, Verarmte und Tierretter. Nun, für unsere Kastrationsaktionen sind die Winter-Rahmenbedingungen recht gut mit leeren Strassen, Zugang überall, kaum trächtigen Tieren, viel Hunger (was beim Einfangen hilft) und mehr Kapazität bei Partner-Tierärzten für TNR-Reha-Platz. Gleichzeitig aber müssen die Ehrenamtlichen und lokalen Helfer es aushalten, dass nicht viele Notfälle gerettet/aufgenommen werden können, auch solche nicht, die auf der Strasse kaum Überlebenschancen haben. Denn klar ist: Jedes Grundstück, jedes Zuhause eines lokalen Tierretters hat ein Limit, jedes Budget sowieso.
Mit derartigen Überlegungen fährt also am Silvesterabend die müde CH-Helferin von der Klinik retour zu einer lokalen Tierschützerin, weil sie für den nächsten Tag noch Vorbereitungen treffen muss. Sie geht zum kleinen Haus hoch, das Licht brennt noch, die Tage von Tierrettern sind lang. Die lokale Helferin mit grossem Herz am rechten Fleck und beeindruckendem Reha-Wissen steht in der Tür und heisst sie herzlich willkommen. Aber wer ist denn das jetzt? Neben ihr taucht dieses knochige Hündli auf seinen dürren Beinen schlotternd auf der Türschwelle auf. Es trägt eine Jacke gegen die Kälte, um seinen Bauch gewickelt, und schaut mit grossen müden Augen unsicher auf. Dann sofort wieder weg. Ach herrje! «Seit wenigen Stunden ist er hier», sagt seine Retterin und weltklasse Mami für Schäden innen und aussen. Unserer Helferin ist bei seinem Anblick sofort klar, dass dieser arme kleine Bub einfach nur Glück hatte, was für ein Glück! Er hätte es auf der Strasse nicht mehr lange geschafft. Seine Retterin erzählt, dass sie ihn nicht auch noch habe ignorieren können, nachdem sie viele Streuner gefüttert hatte und auf dem Rückweg diesen einsamen Hund auf der einsamsten Strasse überhaupt sah, so ausgelaugt, nah am Tod und garantiert totgeweiht. Da meldet sich das juchzende Herz der Volontärin: «Das ist doch mal was Gutes! Bravo, wir haben ein Silvesterkind! Ein Silvesterli, ein Glücklicher unter vielen Unglücklichen! Da helfen wir doch mit!» Sie informierte alle. Und so wurde Silvester ein Licht im Dunkeln, in der dunklen Jahreszeit gekommen, erhellte er und seine Rettung in den nächsten Tagen die Herzen und Stimmung der CH-Helfer. Trotz Müdigkeit, Parasiten und Unsicherheit, fasste Silvester schnell Vertrauen und genoss die Aufmerksamkeiten. Er versprühte Hoffnung. Er half. Genauso, wie ihm nun geholfen werden sollte. Es sind berührende Tage und die ehrenamtlichen CH-Helfer geben Vollgas und teilen Silvesterlis Fotos mit ihrem Netzwerk Zuhause. Wer hätte wohl noch ein warmes Plätzli, eine Pflegestelle für den kleinen Bub? Er ist ein ganz braver, ruhig und bescheiden, so wenig erwartet er, möchte sich erholen, schlafend Lebenskraft tanken, fressen und dösen. Ja, Silvesterli ging und geht direkt ins Herz, auch heute noch, mit jedem Update von ihm an seine zahlreichen Fans. Ganz klar wurde er später ein richtiger Lausbub, ein lebensfreudiger Teenager! Kerngesund jagt er über Wiesen. Aber auch gar nichts an diesem schönen Hund mit den strahlenden Augen erinnert heute an diese ersten Tage nach der Rettung. Ausser seine Magie, Herzen zu berühren, Menschen glücklich zu machen. So berührte er damals beim Schweizer Silvester-SOS auch ganz besonders das Herz einer wunderbaren Helferin Zuhause – und erhielt die Zusage für Pflegestelle! Wir konnten unsere Tränen über dieses grosse Glück kaum zurückhalten: Da kam die Zukunft für unseren Silvesterbub! Mit dem neuen Jahr! Mit einem liebevollen Sprungbrettstart in der Schweiz. Silvester erholte sich top auf Santorini, legte an Gewicht zu, schaffte den Umzug ganz ausgezeichnet und war vom ersten Tag an in der Schweiz so richtig Zuhause bei seiner mitfühlenden Pflegemami und ihren Hunden. Er eroberte fortan die Herzen vieler, alles seine Freunde, die ganze Welt war sein Freund! Ob mit zwei oder mehr Beinen. Sein Blick strahlte vor Lebensfreude und Entdeckergeist. Wir alle finden einstimmig: Der Bub begann zu lächeln, er lächelte nonstop. Dies alles muss auch seine mitfühlende Forever-Family gesehen und erspürt haben. Es war Liebe auf den ersten Blick: Jetzt wurde unser Silvesterli adoptiert! Ein Zuhause für immer, eine richtige Familie, seine Familie. Und ein Leben voller Liebe und Freude für diesen Bub. Was mehr könnten wir uns wünschen. Wir sind sehr dankbar über dieses Happy End und allen Menschen, die mitgeholfen haben und Silvesterli lieben. Wir freuen uns so sehr für ihn und ja, jedes Jahresende ist seither heller und freudiger, für alle Helfer auf Santorini und in der Schweiz: Danke, Silvesterli, für Dein Licht und Deine Liebe.


